Interview: Sozialer Zusammenhalt, Migration und Diversität

Mit Prof. Dr. Tahani Nadim, Dr. Pegah Byroum-Wand und Dr. Lukas Fuchsgruber am 31. August 2022 im Rahmen des 1. Trialogs "Sozialer Zusammenhalt, Migration und Diversität" der Trialogreihe Social Cohesion, Berlin University Alliance

Das Interview dreht sich um die Frage, mit welchen Herausforderungen sich unser Projekt "Museums and Society - Mapping the Social " auseinandersetzt.

Es gibt eine Vielzahl an Museen in Berlin, auf die sichunsere kritische Forschung konzentriert. Dabei stehen die gesellschaftliche Rolle von Museen und der politisch-historische Kontext dieser Institutionen im Vordergrund. Museen sind in Unrechtskontexte, Kolonialismus, Ausschlüsse und Diskriminierung eingebunden, oder aber sie sind im Gegenteil auf Partizipation und Kollaboration mit der Stadtgesellschaft ausgerichtet bzw. sind überhaupt erst aus dieser hervorgegangen.

In vielen Berliner Museen und Depots befinden sich Sammlungen mit Objekten und Subjekten, die gewaltsam aus aller Welt geraubt wurden. Diese Unrechtskontexte reichen über ethnologische Sammlungen hinaus und prägen zahlreiche Bildmotive und den Sprachgebrauch in den Werken und Werktiteln ausgestellter Künstler*innen. Im Projekt fragen wir uns,
wie wir mit diesem Erbe umgehen können, das Kolonialismus, Rassismus, Patriarchale Strukturen und weitere intersektionale Diskriminierungsformen bis in die Gegenwart fortschreibt. Wie können wir mit den zahlreichen Expert*innen, die seit Jahren in der Stadtgesellschaft zu diesen Themen aktiv sind, zusammenarbeiten?

Das Interview behandelt die Frage, wie wir in unserem Projekt "Museums and Society - Mapping the Social" mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Dies beinhaltet die Zusammenarbeit mit Museen und die machtkritische Kollaboration mit Aktivist*innen und zivilgesellschaftlichen Aktuer*innen, die Museen kritisch hinterfragen oder offen in Frage stellen.

Gemeinsam mit einem von Dr. Pegah Byroum-Wand geleiteten kritischen Beirat, der aus 8 Personen besteht und durch eine externe machtkritische
Moderation begleitet wird, diskutieren wir, ob unsere Forschungsthemen, Methoden, unsere Wissensproduktion sozial relevant sind. Welches Verhältnis gibt es zwischen Museen und Gesellschaft? Gibt es Intersektionen und Anküpfungspunkte zwischen der Projektarbeit und der Arbeit der Beiratspersonen? Wenn ja, wie können wir uns gegenseitig unterstützen und zu Diskussionen und Formaten kommen, die uns alle weiterbringen? Wie gehen wir mit gemeinsamer Wissensproduktion, Ressourcen, Machtungleichgewicht und Privilegien oder dem Aufbau von Vertrauen in der Kollaboration um? In der Zusammenarbeit mit dem Beirat geht es neben inhaltlichen Themen daher auch sehr um das "Wie" einer machtkritischen Zusammenarbeit.

Die Zusammenarbeit mit Museen, ergibt sich bereits aus der Tatsache, dass in unserem Projekt sowohl Wissenschaftler*innen in Universitäten als auch Praktiker*innen in Museen tätig sind. Indem wir unsere Themen und Forschungsansätze in Strategieprozesse und Meetings innerhalb der Museen einfließen lassen, können wir ihre Relevanz erproben. Umgekehrt erhalten wir auf diese Weise Impulse der Museums-Kolleg*innen, die in Sammlungen, Vermittlung, Verwaltung oder an der Kasse arbeiten.

Museen als gesellschaftliche Orte sind dem Engagement einer organisierten Zivilgesellschaft zu verdanken, z.B. wenn es um Restitution, Fragen der Repräsentation oder Zugänglichkeit geht. Dies muss gewürdigt und nicht überschrieben oder angeeignet werden.

Dieses Interview legt Positionen dar, die wir in unserem Projekt "Museums and Society - Mapping the Social" zu den Themen Diskriminierungskritik und Diversität oder der problematischen Verknüpfung der Themen "Migration und Diversität" einnehmen.

Die Themen Migration und Diversität werden in medialen, politischen und wissenschaftlichen Debatten oftmals als ein Problemfeld gerahmt und als
"schwierige Herausforderung" dargestellt. Dies leistet Diskriminerung Vorschub. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass beispielsweise der Begriff "Migrant*in" eine Zuschreibung und keine selbstgewählte Identität ist. In Deutschland ist der Begriff u.a. durch das Statistische Bundesamt definiert
und dient der Erfassung und Kategorisierung vermeintlich "migrantischer Menschen". Wir sprechen daher von Migrantisierung anstatt von Migrant*in, da so die Zuschreibung und die damit oft einhergehende Diskriminierung, Rassifizierung, die Ausschlüsse und Ungleichheitsverhältnisse deutlicher werden. Diversität - sowohl auf Ebene der Gesellschaft als auch unserer Forschung und Kollaborationen - wollen wir mit Diskriminierungskritik verbinden. Erst Diskriminierungskritik und das Wissen um ihre rechtliche Verankerung macht die Ungleichheiten und
die ungerechte Verteilung von Privilegien oder Ressourcen im inflationär gebrauchten Begriff der "Diversität" sichtbar.